Ein kirchengeschichtlicher Gang durch die Pfarrgasse
Schon der Name “Pfarrgasse” lässt Kirchengeschichte vermuten, doch
finden wir hier mehr als nur das alte Pfarrhaus.
An der Stelle der Dürerschule stand bis 1890 die alte Jacobikirche.
Sie wurde vermutlich um 1165 als Dorfkirche des damals hier
gegründeten Dorfes Christiansdorf angelegt und war zugleich die Kirche
des 1248 erstmals urkundlich genannten und nach der Reformation um
1540 aufgehobenen Nonnenklosters, an das der Name “Klosterschenke” für
Pfarrgasse 35 erinnert. Das von unserer Gemeinde jetzt ausgebaute Haus
Pfarrgasse 36 war das Pfarrhaus der alten Jacobikirche. In seiner
Bausubstanz geht es wohl auf das 15. / 16. Jahrhundert zurück. Sein
hohes Alter wird auch durch seine schräge Lage zur heutigen
Straßenführung bezeugt. Im Nordgiebel konnte man bis zur Sanierung ein
stark verwittertes Relief von Gottvater sehen, das vermutlich einst
die Außenwand der Jakobikirche schmückte. Es ist zu wünschen, dass
eine Kopie dieses Reliefs künftig der alten Pfarre wieder eingefügt
und damit die kirchliche Tradition des Hauses deutlich wird.
Das Gebäude der “Oberschule Geschwister Scholl, Haus Jacobi” ist die
alte, 1868 erbaute Jacobischule. Ob diese vor 1868 ein eigenes Gebäude
hatte, müsste noch erforscht werden. Die Nachbarschaft von Pfarrhaus
und Schule lässt auch ohne urkundlichen Nachweis Zusammenhänge
vermuten, wie sie früher allgemein zwischen Kirche und Schule üblich
waren. Das ernestinische Sachsen (mit der Residenz Wittenberg) erhielt
1528 durch Luthers Mitstreiter Melanchthon, eine Schulordnung, das
albertinische Sachsen (zu dem Freiberg gehörte) 1580. Seitdem und bis
1921 hatten die Superintendenten und Pfarrer die Schulaufsicht und die
Kantoren waren zugleich Lehrer. An diese jahrhunderte langen
Leistungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche für das Schulwesen
erinnert der Name Jacobischule und deren Standort gleich neben dem
alten Pfarrhaus.
Freiberger Reformationsgeschichte ist am Haus Pfarrgasse Nr 18 zu
sehen. Während sich im ernestinischen Sachsen bis 1525 die lutherische
Kirche entwickelt hatte, hielt der albertinische Herzog Georg in
Dresden bis zu seinem Tod 1539 am katholischen Glauben fest. Sein
Bruder Heinrich der Fromme, der 1539 Georgs Nachfolger wurde und
sogleich im ganzen Herzogtum die Reformation einführte, hatte aber in
den ihm 1505 zugewiesenen Ämtern Wolkenstein und Freiberg bereits 1537
die Reformation eingeführt. Doch gab es schon vorher hier
Evangelische, die sich zu dem neuen Glauben - trotz der Gefahr von
Repressalien durch Herzog Georg - mit dem Losungswort “Gottes Wort
bleibt ewig” bekannten. Vor 1537, unter Herzog Georg, gehörte dazu
also persönlicher Mut. Solche hatte der damalige Hausherr von
Pfarrgasse 18, der 1528 eine Schrifttafel mit dem Spruch “GOTTES WORT
BLEIBET EWIK” anbringen ließ. Diese ist heute über der Haustür des
1862 umgebauten Hauses zu lesen.
Das in den Jahren 1555 / 63 von dem berühmtem Freiberger
Oberbergmeister Martin Planer bewohnte und auf die heutige Größe
erweiterte Haus Pfarrgasse 20 lässt außen kein christliches Motiv
erkennen. Innen aber sind mehrere schwarz-weiß Wandmalereien
biblischer Themen aus der Bauzeit des Hauses erhalten und bei der
Sanierung durch Steinmetzmeister Neubert 1990 / 99 wieder sichtbar
geworden, und zwar im Erdgeschoss. Christus am Kreuz mit Maria und
Johannes, ferner ein segnender Christus und die heilige
Dreifaltigkeit; im Obergeschoss: Gabriel, der Verkündigungsengel und
Maria (eventuell auch anders zu deuten), die Auferstehung Christi
sowie ein Kruzifix und auf Knien betend davor ein Bergmann und ein
Hüttenmann. Das letztgenannte Motiv, wohl auf M. Planer zurückgehend,
lässt reformatorisches Denken erkennen: Der Mensch (in diesem Fall
Berg- und Hüttenmann) in direkter Beziehung zu Christus, ohne
Zwischenschaltung von Heiligen. Auf dem in die Fassade von Pfarrgasse
11 anlässlich der Sanierung des Hauses 1962 eingefügten Stein sehen
wir außer der Jahreszahl und dem Geologenzeichen Hammer und Ammonshorn
das Monogramm des Hausherrn, OM. Der Freiberger Künstler Helmut
Rudolph, der diesen Stein entworfen hat, ergänzte den senkrechten
Mittelstrich des W in voller Absicht zu dem christlichen Symbol des
Kreuzes. Am südlichen Ende der Pfarrgasse regt der im 15. Jahrhundert
erbaute Donatsturm der Freiberger Stadtbefestigung noch zu einem Blick
in die Kirchengeschichte an. Der Heilige Donatus, geboren um 300,
Bischof von Arezzo südöstlich von Florenz, bei einer
Christenverfolgung des Kaisers Julian Apostata am 7. August 362 in
Arezzo mit dem Schwert getötet, war neben Johannes, dem Evangelisten
ein Schutzheiliger des 968 gegründeten Bistums Meißen. Dort sieht man
im Hohen Chor des Domes Standbilder dieser Patrone des Bistums neben
Statuen der Bistumsgründer, Kaiser Otto I. und seiner Frau Adelheid.
In Freiberg stand im Mittelalter unweit der jetzigen Jacobikirche auf
dem Gelände des Donatsfriedhofs eine Donatskirche, von der allerdings
nichts mehr erhalten ist. Nur die Namen Donatsfriedhof und Donatsturm
erinnern heute daran, wie damals in Freiberg der Patron des Bistums
Meißen verehrt worden ist.
Otfried Wagenbreth |